kunst


  

Joseph Beuys      „Meine Kunst ist Befreiungspolitik.   Joseph Beuys

 
 
Trägermaterial: Ton
 
Die Gestaltung des Kernes mit Ton verbindet zwei unterschiedliche Grundstoffe miteinander, an denen unterschiedliche Materialerfahrungen gewonnen werden können.
 
Kaschierte Masken
 
Material: Ton, Zeitungspapier, weißes Papier, Kleister, Deckfarben, Pinsel, ggf. Modellierhölzer
 
Über oval geknülltem Zeitungspapier breitet man schalenartig eine ca. 3 cm dicke Tonschicht aus. In die Tonschicht werden Gesichtszüge modelliert, wobei die Formen abstrahiert oder überzogen werden sollten, um dem karikierenden Wesen einer Maske gerecht zu werden. Wichtig ist, dass unterhöhlte Formen unterbleiben müssen, weil sie sich später kaum abheben lassen. Zum Schluss wird die Oberfläche der Maske gut geglättet.
Im Anschluss wird die ganze Tonoberfläche mit Kleistergetränkten Papierstücken lückenlos überzogen, die ersten drei Schichten sollten nur mit reinem Wasser befeuchtet werden, weil sich die gekleisterten Schichten vom Ton schwerer abheben lassen. Wichtig ist, dass sich die einzelnen Papierstücke lückenlos an den Kern anschmiegen und keine Luftblasen entstehen. Es werden im Ganzen ca. 5-8 Schichten aufgebracht, die letzte davon aus stärkerem weißen Papier.
Die Arbeit muss mehrere Tage trocknen, dabei zieht sich der Tonkern durch den Schwindungsprozess zusammen, sodass sich die hart gewordene Maske leicht abheben lässt. Die Maske kann mit Wasserfarben bemalt und ggf. mit farblosem Holzlack überpinselt werden, weitere Ausstattungen (Bänder, Wolle...) können den gewonnenen Ausdruck verstärken. Die Tonmaske kann aufbewahrt oder ebenfalls angemalt werden
 
Für Menschen mit Behinderung stellen Masken und Puppen Mittler dar, die es ihnen ermöglichen, Wünsche und Gefühle auszudrücken, Konflikte zu bewältigen und jenseits ihrer kommunikativen Beeinträchtigungen ihre Umwelt zu strukturieren. Im Herstellen und Spielen mit Puppen und Masken liegt damit eine große Chance zur Selbstfindung und zum Aufbau eines stabilen Selbstwertgefühls.
Sgraffito (ital. graffiare = kratzen)
 
Material: Wachsmalkreiden, Zeichenpapier, Kratzwerkzeuge wie Pinselstiel, Nagel oder Spachtel
Man malt mit fettem Farbauftrag ein Blatt Papier kunterbunt und möglichst flächendeckend an. Vorzugsweise sollte man hellere Farben verwenden, damit die Kontraste besser zum Ausdruck kommen. Anschließend wird das Wachsbild mit schwarzer Tusche oder schwarzer Dispersionsfarbe übermalt. Man kann das Übermalen auch mit schwarzer Wachsmalkreide durchführen. Erfahrungsgemäß bereitet es vielen Menschen mit Behinderung jedoch Schwierigkeiten, mittels Wachsmalkreiden eine so deckende Wirkung zu erzielen. Nach dem Trocknen zeichnet bzw. kratzt man nun Motive in die schwarze Fläche und legt damit die darunter liegenden Farbschichten frei.
Für Menschen mit feinmotorischen Einschränkungen ist es empfehlenswert, alternative Werkzeuge, z. B. einen Spachtel, zum Abkratzen der Farbe zu verwenden.

 

 
Frottage
 
Material: Wachsmalkreiden, Schreibmaschinenpapier, Pappe bzw. Material zum Durchreiben
Mit Schablonen oder Fäden gelegte Figuren bzw. verschiedene Materialien mit Oberflächenstruktur können durch Abreiben mit Wachsmalkreiden auf einem darüber gelegten Papier in Erscheinung gebracht werden. Damit die untergelegten Gegenstände nicht verrutschen, kann man sie auch auf einem Stück Pappe fixieren. Das Kreidestück muss beim Abreiben flach gehalten werden. Von der Dauer und Stärke des Druckes hängt ab, wie deutlich die Formen erscheinen und wie stark die nicht erhabenen Bereiche mit eingefärbt werden.
Der Vorgang des Frottierens (Abreiben) lässt sich mehrfach wiederholen. Werden die Texturen nicht zu kräftig durchgerieben, können bereits gestaltete Partien des Papiers durch weitere Frottagen überlagert werden. Durch Verschieben des Papiers lässt sich ein Motiv gruppenweise zur Anwendung bringen.
 
Enkaustik
 
Enkaustik bedeutet Auflösen und Einschmelzen von Wachsmalkreiden mit Hilfe von Wärme.
 
Material: Wachsmalkreide, Transparentpapier bzw. Butterbrotpapier, Bügeleisen, Zeitungen, Klebeband
Das Transparentpapier soll mit Wachsmalkreide zunächst satt eingefärbt werden. Damit das Papier dabei nicht reißt, kann es unter Spannung aufgeklebt werden. Nun das Papier zusammenklappen und auf die Zeitung legen, mit dem Bügeleisen mehrfach darüber fahren. Das Wachs schmilzt auf und fließt aquarellartig ineinander. Das Blatt muss nun rasch wieder auseinander geklappt werden, bevor die Wachsfarben erkalten. Es haben sich interessante Strukturen und Farbspiele gebildet. Durch gezielte Führung des Bügeleisens beim Bügelvorgang kann das Bild weiter ausgestaltet werde, z. B. durch punktuelles Aufdrücken oder halbkreisförmiges Schwingen mit dem vorderen Teil des Bügeleisens.
 
Spritzdruck
 
Material: Zahnbürste, Siebchen,   Farben, Papier, Pappe, Schere
 
Aus Pappe (nicht zu stark!) wird eine Schablone angefertigt und auf das zu bedruckende Papier gelegt. Die Zahnbürste wird im Farbkasten eingefärbt und über dem Papier auf dem Sieb so hin- und her gerieben, dass lauter kleine Farbspritzer das Papier füllen. Dort, wo die Schablonen aufliegen, bleibt das Papier weiß stehen. Man kann verschiedene Farben benutzen oder die Schablonen - nach dem Trocknen der Farbe - auf dem Papier verschieben und erneut spritzen.
Interessante Effekte lassen sich auch durch das Auflegen von Gräsern und Blättern erzielen. Es empfiehlt sich, diese vorher zu pressen, damit sie glatt auf dem Papier liegen und so die Konturen besser sichtbar werden.
Eine andere Möglichkeit besteht darin, ein Stück Pappe in der Größe des zu bedruckenden Papiers nach Art eines Puzzles in verschiedene Teile zu zerschneiden und dann Stück für Stück jeweils ein Teil abzuheben und durch Spritzdruck zu gestalten.
Großflächiges Gestalten mittels des Spritzdruckes lässt sich mit einem dicken Borstenpinsel, einem Sandkastensiebchen und entsprechend großformatigem Papier durchführen.
 
                                                    
Linoldruck
 
Material: Linolplatten, Linolbesteck, Japan – Aqua - Farben, Papier
 
Linoleum besteht aus einem Jutegewebe mit einer Leinöl-Korkmischung als Beschichtung und ist in unterschiedlichen Härtegraden im Handel erhältlich. Für die gestalterische Arbeit mit Menschen mit Behinderung erscheint es sinnvoll, ein Material zu verwenden, welches eine Bearbeitung ohne extremen Kraft Aufwand zulässt. Auf die Weise kann die Verletzungsgefahr bei der Bearbeitung der Druckplatte mit den Schneidewerkzeugen gering gehalten werden.
Das Linoleum lässt sich grundsätzlich leichter bearbeiten, wenn man es vor dem Schneiden auf eine warme Heizung legt oder an einen Ofen stellt. Wichtig ist, dass man immer von sich wegschneidet und die Finger der Hand, die das Linoleum hält, außerhalb der Schneiderichtung platziert. Wenn das Halten der Platte und das gleichzeitige Schneiden Probleme verursachen, kann das Linoleum mit Schraubzwingen am Tisch bzw. an einer Unterlage befestigt werden.
Mit Hilfe der verschiedenen Schneidewerkzeuge wird ein Motiv in die Linolplatte geritzt, welches zuvor als Skizze entworfen wurde oder direkt auf der Platte entsteht. Alles, was später beim Druck weiß stehen bleiben soll, wird dabei weggenommen. Für den Druckvorgang wird die Druckfarbe auf einer Glasplatte ausgewalzt und gleichmäßig auf der Linolplatte verteilt. Anschließend das Papier auf den Druckstock legen, mit dem Handrücken darüber streichen und andrücken. Es kann auch eine saubere Druckwalze verwendet werden.
Der Linoldruck lässt zahlreiche gestalterische Experimente zu, Motive sind als Schwarzlinien- oder Schwarzflächenschnitt bzw. als Weißlinien- oder Weißflächenschnitt darstellbar und lassen eine Fülle von unterschiedlichen Kombinationen zu. Darüber hinaus erlaubt auch der Einsatz von verschiedenen Farben viele Variationen.
Drucken mit Stempeln
 
Material: Korken, Gummireste (z. B. Fahrradschlauch), Kartoffeln, Messer bzw. Schere, Seife, Papier, Farben, Walze
 
Die Materialien können zugeschnitten werden und entweder direkt oder mit Hilfe eines Holzklotzes als Stempel Verwendung finden. Für Menschen mit feinmotorischen Einschränkungen empfiehlt es sich, den Druckstock entsprechend groß zu gestalten bzw. mit Hilfsmitteln zu versehen, damit die Handhabung leichter ist.
Handelt es sich bei dem verwendeten Holzklotz um weiches Holz (z. B. Fichte oder Kiefer), so wird es selbst zum Druckstock, indem man die Maserungen abdruckt. Es lassen sich mit weiteren Werkzeugen Einkerbungen im Holz anbringen, sodass die Linien der Maserung unterbrochen werden. Nägel mit Köpfen bündig tief ins Holz einzuschlagen und dann abzudrucken, ergibt neue Struktureffekte.
Das Drucken mit Stempeln lässt sich auch in Verbindung mit Schablonen durchführen. Die ausgeschnittenen Schablonen werden auf das Blatt gelegt und die Fläche um die Schablonen durch Stempel bedruckt. Hier lassen sich aus einfachsten Materialien wie zusammengeballten Stoffresten, die mit einer Stoffwindel umhüllt und stramm abgebunden werden, Stempel herstellen, die auch für Menschen mit starken handmotorischen Einschränkungen leicht zu greifen und zu handhaben sind.
Aleatorische Techniken
 
Bei diesen Maltechniken handelt es sich um elementare Gestaltungsformen, die in ihrem Ergebnis dem Zufall überlassen sind (aleatorisch = vom Zufall abhängend), die die Freude am Malen weniger von formal-zeichnerischen Gesichtspunkten ableiten als von der Wirkung und vom Zusammenspiel der Farben. Sie sind infolgedessen für die gestalterische Arbeit mit behinderten Menschen besonders interessant.
 
Die formale Entwicklung der einzelnen Bilder ist möglich, d.h. die kreativen Farbspiele können durchaus zum Ausgangspunkt für malerisches bzw. zeichnerisches Weiterarbeiten werden. Häufig entstehen nämlich durch die eigenwilligen Kompositionen Assoziationen die sich dann aufgreifen und vertiefen lassen.
Einige der hier vorgestellten Techniken sind durchaus ziel orientiert einsetzbar, und Grenzen zwischen Zufall und geplantem Handeln sind nicht immer eindeutig. Alle Verfahren lassen aber ein freies, ungebundenes Arbeiten zu und sind deshalb für die gestalterische Arbeit mit behinderten Menschen empfehlenswert.
 
 
 
Farbe spachteln
 
Material:
 
Zunächst müssen die pastösen Farben zubereitet werden: 5 Tassen Wasser, 2 Tassen weißes Mehl, 1/2 Tasse Zucker und 3 Esslöffel Salz werden miteinander vermischt und in einem Kochtopf bei mittlerer Hitze ca. 7 Minuten geköchelt. Die abgekühlte Masse wird in drei verschiedene Schraubgläser gegeben. Zum Einfärben vermischt man dann etwa 3 Esslöffel der Masse mit 2 Esslöffel Farbe.
Mit dem Spachtel wird die Farbe auf die Pappe aufgetragen, die Mischpalette dient zum Zusammenführen einzelner Farbtöne (vorzugsweise nur die Grundfarben anrühren) vor dem Auftragen.
 
 
Quetschmalerei
 
Material:
Schreibmaschinenpapier, Deckfarben, Haarpinsel 8-12
 
Ein Blatt Papier in der Mitte falten und wieder auseinander klappen. Mit dem gut feuchten Pinsel viel Farbe aufnehmen und auf die eine Seite des Blattes tropfen. Andere Farben hinzufügen, doch nicht zu viele verschiedene nehmen! Die andere Hälfte des Blattes wird auf die Farbseite geklappt und vorsichtig angedrückt. Schließlich wird das Papier vorsichtig auseinander gefaltet.
Eine weitere Möglichkeit besteht darin, die Farbtropfen in die Mitte des Blattes (d.h. in die Knickkante) zu setzen. Das Blatt wird zusammengeklappt, mit dem Handrücken wird die Farbe in alle Richtungen auseinander gestreift. Es entstehen achsensymmetrische Gebilde, die Quetschspuren durch Farbmischungen aufweisen.
Das Bild lässt sich durch weitere Farben ergänzen, wobei nach jedem Farbauftrag das Blatt neu gefaltet und ausgestreift werden kann. Gestalterischer Einfluss lässt sich durch unterschiedlich festes Andrücken des gestalteten Bildes ausüben. Man kann die Quetschmalerei auch auf feuchtem Papier durchführen und erhält dabei aquarellartige Farbverläufe. Schließlich lassen sich auch bei der Quetschmalerei die entstehenden Figuren durch „Hineinmalen" ausgestalten.
Für Menschen mit Behinderung, die über eingeschränkte feinmotorische Fähigkeiten verfügen, bietet sich an, diese Technik auf großem Format durchzuführen, sodass zum Ausstreifen der Farbe der ganze Arm eingesetzt werden kann.
 
Fadengrafik
 
Material: mehrere Schnüre oder Fäden (ca. 30-40 cm lang bzw. dem individuellen Aktionsradius des Behinderten angepasst), Deckfarben, mehrere Borstenpinsel 8 (für jede Farbe einen), Zeichenpapier DIN A3
 
Das Blatt wird einmal zur Hälfte gefaltet und wieder auseinander gebreitet. In einem Näpfchen wird etwas „Farbsuppe" angesetzt und darin ein Faden kräftig mit der Farbe durchtränkt. Der Farbgetränkte Faden wird in Schlaufen und Spiralen auf eine Seite des Papiers gelegt, ein Fadenende muss dabei über die Blattkante hinausreichen. Die andere Seite des Blattes wird darauf geklappt und mit der Hand angepresst. Während mit der einen Hand das Papier auf dem Tisch festgehalten wird, wird mit der anderen Hand vorsichtig der Faden flach herausgezogen.
Mit verschiedenen Farben und Fäden (z. B. Baumwollgarn, Zwirn, Paketschnur usw.) lassen sich unterschiedliche Ergebnisse erzielen. Eine weitere Gestaltungsvariante ist das Anfeuchten des Papiers bzw. das Auftragen von Kleister vor dem Fadenziehen. Darüber hinaus kann man auf gefärbtem Kleisterpapier mit uneingefärbten Fäden arbeiten.
Das Fadenziehen und gleichzeitige Anpressen des Papiers könnte für manche Menschen eine Überforderung darstellen. In diesem Fall sollte dieser Schritt besser mit einem Partner erarbeitet werden, wobei einer das Papier festhält und der andere die Fäden zieht. Holzknebel oder größere Holzperlen an einem Ende der Fäden und Schnüre können das Halten und Führen erleichtern.
 
 
Malen mit Kugeln
 
Material:
Kastendeckel mit niedrigem Rand (Schuhkarton), Murmeln, Schreibmaschinenpapier, Deckfarben
Das Papier wird in den Deckel gelegt. Mit einem feuchten Pinsel nimmt man Farbe auf und   setzt mehrere   Farbkleckse auf das Blatt. Nun lässt man die Kugel laufen, indem man den Deckel mit den Händen fasst und hin und her kippt. Die Kugel läuft durch die Farbkleckse und hinterlässt Farbspuren auf dem Blatt. Die Murmeln können auch zunächst in einem Behälter in etwas Farbe gerollt und dann in den Deckel gegeben werden.
Diese Technik lässt sich auch großformatig durchführen, indem man große Pappdeckel verwendet (Verpackungsrückstände von Möbeln oder Elektrogeräten) und Tennisbälle einfärbt. Farbe nicht zu trocken aufnehmen! Die rollenden Farbträger müssen ein bestimmtes Eigengewicht haben, damit sie Farbspuren ziehen können; Tischtennisbälle oder leichte Holzperlen sind daher nicht geeignet. Das Malen mit Kugeln ist eine beidhändige Aktivität, bei der die Koordinationsfähigkeit zwischen Auge und Bewegung intensiv trainiert wird.
 
 
Nass-in-Nass-Technik
 
Material:
Schreibmaschinenpapier, Haarpinsel 8-12, Naturschwamm, Deckfarben, Wasserbehälter für Schwamm
Diese Technik ist eine Vorstufe zur Aquarellmalerei. Nasse Farben werden hierbei auf einen feuchten Untergrund aufgetragen, wo sie sich ausbreiten und reizvolle Farbspiele entwerfen. Zeichenblatt mit dem Schwamm auf beiden Seiten mit Wasser anfeuchten (Papier wirft dann keine Wellen und haftet gleichmäßig auf dem Untergrund), mit dem Finger oder einem dicken Haarpinsel sehr feucht Farbe aufnehmen und auf das Papier tupfen bzw. tropfen lassen oder in Streifen über das Papier ziehen. Vorgang mit mehreren Farben wiederholen, dabei nach jeder Farbzugabe das endgültige Verlaufen der Farbe auf dem Blatt abwarten, bevor die nächste Spur gesetzt wird. Dieses Verfahren lässt sich in der Aquarellmalerei ausgezeichnet vertiefen und weiterführen.
Sensibilisieren für Farbwahrnehmungen, Bedeutung der Oberfläche für den Farbcharakter, Bewusstmachen der Vielfalt der Farben, Arbeiten mit verschieden Tönen und Materialien
 
 
 
Die Farbe Rot:
 
Rot ist die dynamischste und aggressivste Farbe. Rot wirkt sehr auffällig, erregend und ist voller Leben und Spannung. Die Farbe Rot lässt Formen nahe erscheinen und Räume wirken bei längeren Aufenthalten beengend. 
In allen Sprachen der Welt ist Rot der älteste Farbname. Es war die "Urfarbe". Das alte Sanskrit Wort "ruh-ira" hängt mit unserer Farbbezeichnung Rot zusammen. Aus dieser Wurzel kommt das deutsche rot, das englische red, das dänische rod und das französische rouge.
 
Rot ist eine elementare Farbe. Die symbolische Bedeutung der Farbe Rot hängt mit
Ur-Erfahrungen des Menschen, mit dem roten Blut und dem roten Feuer zusammen. Dem Blut wurde auch heilende und stärkende Wirkung zugeschrieben. Es ist der Sitz der Lebenskräfte.
Rot war und ist interkulturell. Rot gilt in China, Ägypten, Griechenland und Indien als Glücksfarbe. Rot ist eine aufregende, anregende Farbe. Es ist eine auffällige Farbe, die sich nicht verstecken lässt. Rot ist nach Blau die zweithäufigste Lieblingsfarbe der Erwachsenen, jedoch mit deutlichem Abstand die Lieblingsfarbe der Kinder.
Im Buddhismus ist Rot die symbolische Farbe des Egos. Die Aufgabe des Menschen ist es, dieses Ego von Gier und Trieben zu befreien, dann wird das geläuterte Rot die Farbe der unendlichen Freude, man trägt dann das rote Licht des Lotus im Herzen.
Für die Farbe Rot empfinden die meisten Menschen eine Art Hassliebe. Der Volksmund sagt ja auch: "Rot ist die Liebe, rot ist das Blut, rot ist der Teufel in seiner Wut."
Rot war im Mittelalter eine Farbe, die Macht und Stärke verlieh. Rot ist auch die Farbe des Krieges. Rot ist eine Farbe, die Kraft geben soll. Es ist die Farbe des Kriegsgottes Mars. Der Planet Mars wird auch als "roter Planet" bezeichnet.
 
In der katholischen Kirche ist Rot als Liturgiefarbe für Hochfeste und an Festtagen für Märtyrer vorgeschrieben. Die rote Farbe erinnert an das heilige Blut Christi und den Blutzoll der Märtyrer.
In der Welt der Mineralien finden wir ebenfalls rote Steine, denen magische Kräfte nachgesagt wurden.
 
Rot ist die unmoralische Farbe der ungezügelten Sexualität, des moralisch Verbotenen, des wärmenden, Leben spendenden Feuers, das zugleich aber auch vernichten kann.
Als Signalfarbe im Tierreich hat Rot dagegen eine untergeordnete Rolle. Die meisten Tiere können gar keine Farben sehen. Nur Vögel können Rot sehen. Es gibt auch nur wenige rote Tiere. Rot ist jedoch eine Warnfarbe: Vorsicht, ungenießbar!
Das Symbol der Liebe ist das rote Herz. Rot ist eine hitzige Farbe. Ein rot gestalteter Raum wirkt deutlich warmer. All zu viel Rot in der Umgebung wird eher als laut empfunden. Als Heilfarbe ist Rot die Farbe der Energieaufladung.
Rot ist sicherlich eine sehr dominante Farbe und sie bringt Leben in unseren Grauen Alltag!
 
Rot ist nicht gleich Rot:
 
Altrot, Abendrot, Abendrosenrot, Blutrot, Blassrot, Blaurot, Cyclamrot, Dahlienrot, Dunkelrot, Erdbeerrot, Feuerrot, Flammenrot, Lackrot, Fuchsrot, Gelbrot, Glutrot, Goldrot, Granatrot, Hahnenkammrot, Hellrot, Hellpurpur, Himbeerrot, Hochrot, Indianerrot, Kardinalrot, Kadmiumrot, Karminrot, Kirschrot, Knallrot, Korallenrot, Krebsrot, Kupferrot, Lachsrot, Lippenrot, Magentarot, Messingrot, Mohnrot, Morgenrot, Ochsenblutrot, Orangerot,
Paprikarot, Pfefferrot, Purpurrot, Rosenrot, Rostrot, Rötlich, Rotorange, Rotblau, Rotviolett, Rubinfarben, Scharlachrot, Tizianrot, Tomatenrot, Venezianischrot, Verkehrsrot, Weinrot, Wangenrot, Ziegelrot, Zinnoberrot, Zornrot
(Auszüge aus " Rot, Gelb, Blau und alle Farben" von Marielle und Rudolf Seitz, Verlag Don Bosco, München)
 
 
Psychologie der Farbe: Rot
 
Rot ist die Farbe der Leidenschaft und der Liebe. 
Rot ist die Farbe der Leidenschaft, des Blutes und der Liebe. Sie steht für Krieg und Mut.
 
Der "rote" Mensch
 

 

Der "rote" Typ ist sehr ehrlich und direkt. Er liebt stets neue Erfahrungen und Eroberungen.
 
Stichwort: Rot
 
Der Philosoph Hegel sagte: „Rot ist die konkrete Farbe schlechthin.“ Ewald Hering (1834 -1918), bedeutender Physiologe, bezeichnete Rot als eine der vier Urfarben. In den meisten Sprachen ist Rot einer der ältesten Farbnamen und häufig mit dem Wort Blut verwandt. Im Russischen bedeutet krassnij = rot aber auch schön. Kandinsky schrieb über das optisch reine Rot, es wirke >innerlich als eine sehr lebendige, lebhafte, unruhige Farbe, die aber nicht den leichtsinnigen Charakter des sich nach allen Seiten verbrauchenden Gelb besitzt.< Reines Rot ist nicht im Spektrum enthalten, aber es ist darstellbar als Mischung des gelblichen Spektralrots mit Blauviolett. Ansonsten reicht der Begriff Rot vom gelblichen Scharlachrot und Zinnoberrot über Hochrot bis hin zum Karminrot und Purpurrot. In geringer Sättigung sind es Rosenrot (Rosa) und >Pfirsichblüt< (Goethe). Faber Birren beschreibt Rot als Farbe >der Heiligen und Huren, des Patriotismus und der Anarchie, der Liebe und des Hasses, des Mitleids und des Krieges, des Mutes und des Blutvergießens, der Grausamkeit und des Märtyrertums, der Gesundheit und der Gefahr.<
 
1.Symbolik
In Ägypten bedeutete Rot die Wüste und das Böse. Die Israeliten unterschieden Purpurrot als Farbe des Opfers und der Majestät und Scharlachrot, das sie für Sünde und Leidenschaft setzten. Für die Griechen war Rot Leben und Gefahr. Das Christentum symbolisierte mit Rot die irdische Existenz, die himmlische Königsherrschaft und das Martyrium. In Darstellungen ordnete man Rot Gott Vater, Blau dem Sohn sowie Maria und Grün dem Heiligen Geist zu.
 
Rot wurde auch zu einer politischen Farbe. Bereits in den Bauernkriegen forderten die Aufständischen das Recht, auch rote Schauben tragen zu dürfen, wie die Reichen, die sich in Privilegien und Kleiderordnungen Rot als vornehme Farbe vorbehielten. Seit 1848 ist dann Rot zum Begriff für politischen Radikalismus und Revolution geworden. Man sprach in Frankreich von der >Roten Republik<. Doch rote Fahnen hatten schon früher Bedeutung. Die rote Blutfahne im Mittelalter war Symbol für Macht über Leben und Tod. Bis ins 17. Jahrhundert verlieh der deutsche Kaiser unter ihr die mit dem Blutbann verknüpften Reichslehen.
 
2.Kleidung
 
Im Altertum war Purpur der Kleidung der Herrscher und Würdenträger vorbehalten. Überhaupt war Rot stets eine Farbe der Vornehmen, aber sie zeichnete auch die Prostituierten. In Bern und Zürich mußten die Freudenmädchen im 15. Jahrhundert rote Kappen und in Lyon einen roten Armstreifen tragen, damit man sie von den Bürgerinnen unterscheiden konnte.
          
El Greco, Kardinal de Guevara, um 1598 (Ausschnitt)
 
Rot kleideten sich im Mittelalter die Scharfrichter, aber auch die Ärzte in Deutschland und Frankreich. Papst Paul 11. führte 1467 die roten Gewänder der Kardinäle ein (purpurati = Purpurträger). Zur Färbung der Kleidung wurde jedoch längst kein Purpur mehr verwendet.
 
Ein berühmtes rotes Kleidungsstück war die Jakobinermütze. Der Form nach war es die phrygische Mütze, die einst die Amazonen getragen haben sollen. Später gehörte sie zur Volkstracht der Fischer im Mittelmeerraum. Auch die Galeerensklaven trugen die rote Phrygische Mütze. Als aufständische Schweizersoldaten, die auf die Galeeren gebracht worden waren, befreit und feierlich dem französischen Konvent vorgeführt wurden, trugen sie die roten Mützen. Ihnen zu Ehren übernahmen die Jakobiner sie.
 
                        
                        Giuseppe Garibaldi (1807 - 1882)
In Italien machten die >Rothemden<, die Kämpfer im monarchistischen Freikorps Garibaldis, Geschichte.
Die Doktorhüte oder -Talare sind in Frankreich heute noch rot für die Juristen und Karmin für die Mediziner. In den USA tragen die Theologen Scharlach und die Journalisten Karmin.
 
3.Normen
 
Seit der Genfer Konvention von 1864 ist das Rote Kreuz und der Rote Halbmond Zeichen des Sanitätsdienstes. Die Japaner teilen das Kreuz durch weiße Querstreifen in vier Rechtecke. Im Iran verwendet man den roten Löwen und in Israel den Roten Davidstern.
Der Weltpostverein beschloß 1878 in Paris Farben für Standard-Postwertzeichen einheitlich zu halten. Der einfache Auslandsbrief sollte mit einer blauen, die Auslandspostkarte (= Inlandsbrief) mit einer roten und die Auslandsdrucksache (= Inlandspostkarte) mit einer grünen Briefmarke frankiert werden. 1906 wurde das Abkommen vertraglich allgemein angenommen. Die Deutsche Bundespost hält sich bis heute daran, obwohl die Vereinbarungen heute nicht mehr bindend ist. Auch Länder wie die Schweiz, Norwegen und Irland halten sich noch an die Regelung.
 
Nach DIN 4818 und DIN 5381 (Sicherheits- und Kennzeichnungsfarben) ist der RAL-Farbton Nr. 3000, feuerrot, zusammen mit der Kontrastfarbe Weiß (RAL 9002) Warn- und Verbotsfarbe für Verkehrszeichen. Nach DIN 2403 (Kennzeichnungsfarben für Rohrleitungen) ist der Farbton RAL 3003, Rubinrot, die Farbe für Dampfleitungen. Die Deutsche Bundesbahn streicht ihre Omnibusse und Loks mit dem Farbton RAL 3005, einem dunklen Rot.
 
4.Biologie
 
Während Mensch, Hund und Pferd die Farben etwa gleich sehen, sind Fische rotblind. Ebenso sind es die Bienenarbeiterinnen. Ihnen erscheint Purpur als Blau. Fische wie Bienen sehen jedoch Ultraviolett als eigene Farbe. Der Ultraviolett-Empfindung der Bienen und anderer Insekten entspricht, daß die Blüten zahlreicher durch Insekten bestäubter Pflanzen ein dem Menschen nicht sichtbares, zusätzliches ultraviolettes Muster tragen, wie z. B. die Mohnblume. Mit seiner Hilfe können Bienen scheinbar farbgleiche Blumen unterscheiden.
Farbenfehlsichtigkeit beim Menschen ist in Deutschland, den USA und der Sowjetunion etwa bei 5% der Bevölkerung festgestellt worden. Männer sind davon 20 x mehr betroffen als Frauen. Die Protanomalie, die Rotschwäche, ist relativ selten gegenüber der Deuteranomalie (Grünschwäche). Die Rot-Grün-Blindheit wird Daltonismus genannt, nach John Dalton, der 1798 als erster das Wesen dieser Erscheinung untersuchte. Er und zwei seiner Brüder waren mit Rot-Grün-Blindheit behaftet.
Je nach Helligkeit wird Dunkelrot von Farbenfehlsichtigen mit Schwarz oder Dunkelgrün verwechselt.
 
5.Psychologie
 
Rot ist die Liebe, rot ist das Blut, rot ist der Teufel in seiner Wut<, so heißt der Kinderreim, der schon richtig erkennt, daß sich die Erregung der roten Farbe sowohl in der Liebe, als auch in der Wut äußern kann, schreibt Professor Lüscher und führt aus: >Wer Rot als unsympathische Farbe ablehnt, befindet sich in einem Zustand der Oberreizung und leicht entzündlichen Aufregung. Er fühlt sich selbst in einem Zustand, der brennendem Rot vergleichbar ist. Ist jemand in Wut >entbrannt<, so sagt man: Er sieht rot. In einem solchen Zustand verträgt man es nicht, auch noch außerhalb von sich die aufreizende rote Farbe zu sehen.
 
                  
Der Maler van Gogh schrieb:
>In meinem Bild, Nachtcafé, habe ich auszudrücken versucht, daß das Café ein Ort ist, wo man sich ruinieren, verrückt werden, Verbrechen begehen kann. Schließlich habe ich durch Kontraste von Zartrosa und Blutrot und Hefefarbe - das Ganze in der Atmosphäre eines höllischen Feuerofens - versucht, die Anziehungskraft der Finsternis einer Schnapsbude auszudrücken.< Und noch einmal Lüscher: >Rot ist erregend, daher wirkt es auf den Betrachter imponierend. Der Mantel der Könige, der Kardinäle und der Saum der Senatoren-Toga war daher rot. Aber Purpurrot mit seinem kühlen Blauanteil wirkt sowohl imponierend als auch zugleich verhalten, also prächtig.<
6.Literatur
 
In >Lob der Vokale< stellt Ernst Jünger fest: >So ist Rot die Farbe der Herrschaft und des Aufruhrs.< Artur Rimbeaud, der ein Gedicht den Farbdeutungen widmete: A schwarz, E weiß, I rot ...
 
In den >Wahlverwandtschaften< erwähnte Goethe vergleichsweise den roten Faden, der in alles Tauwerk der englischen Marine eingearbeitet wurde, um Entwendung zu verhindern. Seit dem wird dieser Vergleich allgemein verwendet, um auszudrücken, daß sich etwas durch alle Teile eines Ganzen hinzieht.
 
Der >rasende Reporter<, Egon Erwin Kisch bringt in seinem Buch >Entdeckungen in Mexiko< eine spannende und hervorragend geschriebene Kulturgeschichte des Kaktus und darin viel über die Kochenille und den roten Farbstoff dieser Laus, die auf den Kakteen lebt:
 
>In der Aztekenzeit mußte alles Blut dieser Läuse gesammelt und an die kaiserliche Hausverwaltung abgeliefert werden, Stammesfürsten und Kriegshelden wurden mit Töpfen dieses Karmins belohnt.
 
7.Färbemittel
 
Das berühmteste und zugleich teuerste Färbemittel für Rot war Purpur. Der Sage nach haben die Phönizier 1500 v. Chr. dieses Mittel entdeckt. Gewonnen wurde der Farbstoff aus einer winzigen Drüse von Meeresschnecken der Arten Murex und Purpura, die im ganzen Mittelmeerraum sehr häufig sind. Der hohe Preis lag also nicht an der Seltenheit der Tiere. Er lag an der Menge die davon benötigt wurde und an der aufwendigen Arbeit zur Gewinnung des Farbstoffes. Für 1 kg Farbstoff benötigt man rund 8000 Schnecken bei Murex brandaris oder 40000 Stück der Purpura lapillus. So ist es zu erklären, daß im Jahre 300 n. Chr. 1 kg purpurgefärbte Wolle nach heutigem Wert 7000 Mark kostete. Aber bereits die antiken Berichterstatter wissen von vielen Rezepten für >unechte< Purpurfärbungen.
 
Ein weiteres Färbemittel für Rot lieferte die Kochenille. Aus getrockneten Weibchen der Schildlaus, Dactylopius coccus Costa, gewann man den intensiven Farbstoff Karmin. Ursprungsland war Mexiko, wo die Laus auf einem Kaktus (Opuntia coccinellifera = Nopal) lebt. Schon vor der Entdeckung Mexikos wurde sie gezüchtet. Auf 1 Hektar Nopalpflanzung konnten 300 kg der Tierchen gesammelt werden, wobei 1 kg = 140000 Tierchen zu rechnen ist.
Die wichtigste Rotfarbe in der Malerei und Kosmetik des frühen Mittelalters war Zinnober. Es wurde aus den spanischen Quecksilbergruben bezogen. Zinnober-Rezepte finden sich im Lucca-Manuskript aus dem 8. Jahrhundert.
Als rotes Färbemittel pflanzlichen Ursprungs diente Krapp (Rubia tinctorum). Aus den Wurzeln wurde die Färberröte gewonnen. Der Farbstoff daraus ist Alizarin. Anbaugebiete des Krapps lagen in Frankreich, Elsaß und Holland. Die Methode des Türkischrot-Färbens mit Krapp stammt aus Indien und kam über den Orient Mitte des 18. Jahrhunderts nach Frankreich. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts betrug die jährliche Erzeugung von Krappwurzeln noch 50000 Tonnen aus denen etwa 500 bis 700 Tonnen Alizarin im Wert von 45 Millionen Mark gewonnen wurden.
 
1859 stellte der Franzose E. Verguin den Farbstoff Alizarin synthetisch her und nannte das Anilinrot >Fuchsin<, nach dem deutschen Botaniker Leonhard Fuchs (1501-1566), nach dem wiederum die Fuchsie benannt worden war.
 
Seit 1140 ist in der Genueser Wiegetaxe das Rotholz oder brasile, asiatischer Herkunft (überwiegend Caesalpina Sappan) angeführt. Es war einer der bedeutendsten Beizenfarbstoffe. Nach ihm wurde 1511 das südamerikanische Land Brasilien benannt, da man dort das Farbholz in großen Mengen fand. Der Farbstoff selbst heißt Brasilin mit der chemischen Formel C16H14O5.
 
Meine liebste Beschäftigung aber nach wie vor ist es,
das herrliche Licht mir in die Augen fließen zu lassen,
wie es hinfällt, auf den frischen Boden, ihn violett färbt,
einem Grashalm über den schlanken Rücken läuft.      August Macke
  
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