Dämmerung


Dämmerung
 
Trotz der Allgegenwärtigkeit des Meereswassers werde ich erst jetzt eines Durstes gewahr, der sich bereits als ein Gefühl zweier den Hals umspannender, zudrückender Hände bemerkbar macht.
Ich verwerfe den Gedanken auf ein erlösendes Getränk; zu schön ist der Anblick sich reflektierender Sonnenstrahlen auf der sich leicht bewegenden Wasseroberfläche.
Diese unendliche Weite der sich vor mir erstreckenden Urgewalt ist so wundervoll, - doch wie beschreibt man Empfindungen für die Einzigartigkeit von Schönheit, Liebe, Hass, Farben... ?
Wie die Farbe dieses Elements beschreiben, die sich mit den Farbtönen des sich im Wasser spiegelnden Himmels vereint?
Wie beschreiben, was einem die Summe aus Sehen, Schmecken, Riechen, Hören und Fühlen, vermischt mit dem, was unseren Erfahrungen entspricht, vermittelt?
Ich gebe mich all dem hin, sauge es in mich hinein, erfreue mich dessen, was mich überwältigt, - dessen, was das Leben lebenswert macht.
 
Wie viele Sonnenuntergänge hatte ich in meinem Leben schon sehen können, doch, so bitter es auch klingt, erst jetzt, vom Meer aus betrachtet, offenbarte sich mir das tatsächliche Ausmaß dieses Ereignisses.
Gut ein Drittel des Rotglühenden Feuerballs ist bereits am Horizont verschwunden; verheißungsvoll verlässt er mich mit einem Abschiedsgruß, der sich von Purpur bis hin zu einem leuchtenden Gelb über mir zeichnet.
Bei dem Anblick des Glitzerns und Funkelns fühle ich mich wieder zurückversetzt in die Zeit meiner Jugend, als mir träumen, ein Traum und die Erfüllung eines Traumes noch mehr bedeuteten, als das Abwägen von dem was ist, was sein könnte und was niemals sein wird.
 
Ich sehe ein riesiges Feld, ein Feld sich so weit hinziehend, wie das Auge schauen kann.
Angefüllt mit Tausender bunter Blumen, deren schillernde Farben das Sonnenlicht einzusaugen scheinen, um es dem Betrachter noch schwerer zu machen, sich ihnen entziehen zu können.
Ich weiß noch ganz genau, wie ich vor diesem Feld stand, unfähig die Augen zu schließen, voll Ehrfurcht erstarrt für eine schier endlose Zeit.
Irgendwann zog ich meine Schuhe und Strümpfe aus, stopfte alles in meinen Beutel und wagte zwei Schritte in das Feld.
Ein wenig piekste es unter meinen Fußsohlen, ein wenig kitzelte es.
Manche der Gräser und Blumen reichten mir bis zu den Schultern, und als ich ein paar weitere Schritte in das Feld hinaus getan hatte, konnte ich außer ihnen auch nichts mehr von der Straße sehen.
Doch mein Vater hatte mir beigebracht, mich an der Sonne und den Sternen zu orientieren, so dass ich meiner Freude freien Lauf ließ und begann, mich um mich selbst zu drehen.
Erst sehr langsam, dann immer schneller und schneller, laut mein Glück hinausschreiend, auf das es die Welt mit mir teile.
Schwindlig geworden fiel ich auf den Boden, und eine kleine Zeit später erhob ich mich und begann zu rennen, wie ich noch nie gerannt war. Weiter und weiter in das Feld hinein bis ich nicht mehr konnte.
Dann legte ich mich hin, schloss die Augen und lauschte einfach nur den Stimmen der Insekten und des Windes, der über das Feld wehte.
Es war so wunderschön gewesen, dass ich mich noch heute, sehr viel später, daran erinnern konnte, als sei es gestern gewesen.
Ich merke, wie sich unmerklich ein Lächeln auf mein Gesicht geschlichen hat, während der Gedanken an diese Zeit.
Die Sonne ist indes ein gutes Stück tiefer hinter dem Horizont versunken; sie hat nun ein tiefes Orange und lässt ihre Umgebung in Abstufungen davon erscheinen.
Aber jeder ist ein Gefangener seiner selbst, und ich habe gemerkt, dass mich solche Momente träumen lassen, - träumen lassen von Dingen, die vielleicht nie passiert sind, Dingen, die nicht hätten passieren dürfen, Dingen, die so einschneidend waren, dass sie mich für immer geprägt haben.
Manche davon klein und zunächst unbedeutend, andere stärker.
Und träumen lassen von den Menschen, die ich einst kannte, bewunderte und liebte, oder denen ich nie geschafft näher zu kommen.
Ich schaue wieder bewusst auf das Meer, ohne an etwas Bestimmtes dabei zu denken.
Vertrauend auf die hypnotische Wirkung, die es auf mich hat.
Tatsächlich lässt mich dies Beständige auf und ab der Wellen bald merken, wie sich eine weitere Erinnerung meiner bemächtigt.
Ich versuche mich dem nicht zu widersetzen, versuche die Augen geöffnet zu halten, um meinen Träumereien Vorschub zu leisten.
Bald sehe ich nur noch die Wellenbewegungen, die ich in Gedanken mit der Hand nachfahre.
So wunderbar weich ist das entstehende Bild, das sich dadurch ergibt, so warm und weich wie ein Frauenkörper.
Sanft lasse ich meine Hand über ihre Stirn, ihre Augenlider gleiten.
 
Ich umfahre ihre warmen Wangen, bewege meinen Finger um ihre küssenden Lippen, verharre einen Moment, - einen Moment des Spiels ihrer Zunge, spüre das Verlangen in ihr, das Vertrauen.
Ich taste ihren Körper weiter und weiter hinab bis an die Innenseite ihres Schenkels, finde ob ihrer Erregung keinen Halt, - einem Innehalten gleich, die Gier ihres Körpers zu stillen, ihr Verlangen in Erfüllung zu wandeln.
Ihre Glut meidend, die Lust ins Unendliche steigernd, streichle ich mit festem Druck ihre Lenden, versinke in ihrem Nabel, um schließlich zu ihrem Rücken zu gelangen.
Ganz sacht gleiten meine Hände ihren Rücken entlang, umspielen die vor Wonne zuckenden Muskeln, massieren die weiche, pulsierende Haut zwischen ihren Schulterblättern.
Oh, diese Stellen, wo Berührungen einen Körper erzittern lassen, lässt man es nur zu.
Ich lege meinen anderen Arm um sie, um sie fest an mich zu ziehen.
Meine Lippen liebkosen ihre Schläfen, ihren Hals, den Nasenrücken, bis sie den Kopf wendet und sich ihr geöffneter Mund fordernd auf meinen presst.
Ihre Zunge dringt tief in mich ein, und der Druck der Lippen wird stärker und stärker.
Ich entziehe mich ihrem Fordern, küsse ihren Körper, sauge an ihren Brüsten und schmecke ihren salzigen Schweiß.
Salz!
Sein Geschmack reißt meinen mehr und mehr verwirrten Geist zurück.
Traum und Realität verschwimmen zusehends, und wenn ich in meinem Geist auch Frieden mit mir geschlossen habe, mein Körper wehrt sich noch instinktiv um Aufschub bittend.
Worten bewusst werden zu können, die nie gesagt, Händen, die nie geschüttelt wurden.
Ja, dies war mein Ende, und ich bedauerte in diesen Minuten soviel in meinem Leben, sah vor meinem geistigen Auge Gesichter und Orte voll Trauer und des Glücks.
Doch war es auch das Ende allen Seins?
Oder der Beginn von allem?
All die Schönheit, die ich zu oft betrachtet, doch nie gesehen hatte, sie wurde mir in diesem Moment bewusst, einem Buch in fremder Schrift gleich, endlich den Weg in meinen Verstand findend.
Ich schüttle den Kopf, gleichsam den Traum von mir abwerfend, der Realität wieder gewahr werdend, die mich nun wohl endgültig eingeholt hat, um in einem endlosen Traum zu münden.
Der Durst ist unerträglich geworden, die Sonne spendet für heute kein Leben mehr; die Schönheit einer Nacht kündet nur mehr Untergang.
Ich kann das Wasser nicht mehr sehen, welches mir immer unaufhörlicher gegen das Gesicht schlägt.
Ich flehe in meinem Kopf um einen kleinen Aufschub, doch bin mit meinen Kräften am Ende, habe einen Krampf in der Wade und weiß nicht mehr, der wievielte es ist.
Mit meinen schwammigen Händen versuche ich noch einmal an meine Zehen zu greifen, um das Bein durchstrecken zu können.
Doch es will mir nicht gelingen.
Nein, meine Zeit war gekommen.
Bilder von unsagbarer Schönheit erfüllen mich, - ich würde eins werden mit all dem was ich geliebt.
Wer kann behaupten und mir entgegnen, dass dies wirklich mein Ende sein sollte?
Äußerungen aus Angst, getan sich selbst vorzubereiten auf etwas, was sich unserem Geist entzieht, und durch keinerlei Beweis belegt werden kann?
So schuf unser Denken Gott, stellvertretend für einen Glauben, den wir ein Leben lang an unserer Seite ließen, um ihn nun von uns zu stoßen?
Und selbst wenn wir auch diesen Beweis nicht anzutreten in der Lage sind, was sollte uns davon abhalten diesen Weg als möglicheren zu betrachten?
Das der Weg allen Vergänglichen der Weg zu ewigem Leben sein könnte.
Teil von Gedanken zu sein, von Erinnerungen, geschaffenen Werten, Kindern.
Meine Bewegungen werden langsamer und langsamer.
Nein, die Sonne wird mir hier Leben mehr spenden.
Ich kann den Mund nicht mehr geschlossen halten und bin gezwungen, mit meinen letzten Atemzügen das Wasser in mich aufzunehmen.
 
Ich fange an zu husten, es auszuspucken, und den nächsten ankommenden Schwall wieder zu schlucken.
Ich spüre das hysterische Zucken, das letzte Aufbäumen meines Körpers, und ich stelle mir vor, ein grelles Licht in meinem Kopf zu sehen, denn diese Sonne wird mir ihr Strahlen wohl für immer entziehen, um mich teilhaben zu lassen an ihrer Wärme.
Meine Augen schließen und meine Arme öffnen sich ein letztes Mal ganz weit, um nicht mehr zu kämpfen, sondern mich einzufügen als ein Teil dessen, was uns alle umgibt.
Und selbst wenn der Weg des Lebens ohne den Beistand eines höhergestellten Wesens beschritten wurde, abzustreiten dass es nichts gäbe, an das man glauben konnte, würde ich als Selbstbetrug abtun.
Seine Seele verkaufen zu wollen, mit der Hoffnung auf Bestätigung eines Glaubens, hieße sein Leben Lügen strafen.
Denn was ist ein Leben wert, wenn es sich nicht in irgendeiner Weise fortpflanzt?  
 
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